Von Wüstendrachen und verwunschenen Sandprinzen: Die Reptilien- und Amphibienfauna in Goegap
Von Tobias Feldt
Natürlich ist die Striemengrasmaus der unangefochtene Star in unserer field site und das Hauptobjekt unserer Forschungsbegierde. Doch bekanntermaßen hat Goegap aus faunistischer Sicht noch wesentlich mehr zu bieten und wartet mit einer für den Laien manchmal überraschend großen Artenvielfalt auf. Neben Säugetieren, Vögeln und Insekten ist das Reservat dabei auch Heimat für diverse Vertreter zweier stammesgeschichtlich schon sehr alter Tiergruppen, von denen zumindest die eine nicht nur bei der Arbeit im Gelände sondern z.T. auch innerhalb unserer Forschungsstation allgegenwärtig ist: Insgesamt 65 Reptilien- und Amphibienarten treten im Goegap Nature Reserve auf bzw. werden hier vermutet. Z.T. handelt es sich dabei um stark gefährdete Arten; einige wenige von ihnen können jedoch auch selbst zu einer Gefahr werden.
Dass im Gebiet eine Vielzahl unterschiedlicher Reptilienarten – in unserem Fall sind es bis zu 61 – auftreten, wundert kaum; schließlich bringt man diese wechselwarmen Kreaturen wie kaum eine andere Tiergruppe mit trockenen und damit extremen Lebensräumen wie der Succulent Karoo in Verbindung. Auf alle Arten detailliert einzugehen würde dabei an dieser Stelle zu weit führen; stattdessen wird sich auf die Vorstellung einiger charakteristischer Vertreter beschränkt.
Schlangen (Serpentes)
Die Schlangen sind sicherlich diejenige Reptiliengruppe, welche in Goegap am meisten Aufsehen erregen, zumindest sofern man sie überhaupt zu Gesicht bekommt. Folgerichtig haben es einzelne Vertreter auch immer wieder in die vorangegangenen Ausgaben des SGM-Spiegels geschafft und verdeutlichen nicht zuletzt dadurch, welches Interesse – sowohl positiv als auch negativ – man ihnen entgegenbringt. „Gibt es denn hier viele Schlangen?“ und „Ist denn schon mal etwas passiert?“ gehören somit auch zu den ersten Fragen vieler Feldassistenten, wenn diese ihre Arbeit auf der Forschungsstation antreten. Und tatsächlich ist das Reservat Heimat einiger Arten, die zu den giftigsten des afrikanischen Kontinents gehören und von denen immer wieder ernsthafte und sogar tödliche Zwischenfälle berichtet werden. Ereignisse dieser Art stellen jedoch in Goegap eine große Ausnahme dar und die meisten Tagesbesucher werden erst gar nicht auf Schlangen – ob giftig oder ungiftig – treffen, weil diese vor dem Menschen in der Regel rechtzeitig davonkriechen. Und selbst wer sich länger vor Ort aufhält, für den sind Begegnungen mit diesen beinlosen Kriechtieren auch nach mehreren Monaten noch eine große – und bei entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen auch absolut ungefährliche – Besonderheit. Bei unseren Mäusen sieht die Situation dagegen schon ganz anders aus, schließlich gehören sie wie alle kleinen Säugetiere und Reptilien zu der bevorzugten Nahrung und es kann durchaus vorkommen, dass man bei der Radiotelemetrierung über mehrere Tage einer Schlange anstatt einer Maus folgt, die in deren Magen ihre letzte Ruhestätte gefunden hat.
Die wohl gefährlichste in Goegap auftretende Schlange ist die Puffotter (Bitis lachesis). Zwar nicht so giftig wie die Kobras und Mambas ist sie doch aufgrund ihres weiten Verbreitungsgebietes und ihrer Häufigkeit für die Mehrzahl (über 60 %) aller gefährlichen Schlangenbisse im südlichen Afrika verantwortlich. Hinzu kommt, dass diese sehr gedrungen und kräftig wirkende, im Durchschnitt zwischen 1 und 1,5 m lange Schlange vergleichsweise träge und langsam ist und sich im Gegensatz zu den meisten anderen Arten bei Gefahr häufig gar nicht erst die Mühe macht, die Flucht zu ergreifen, sondern ausschließlich ihrer Tarnfärbung vertraut. Kommt man ihr zu Nahe, erzeugt sie zudem durch Ausstoßen von Luft ein dem Fauchen ähnliches "Puff-Geräusch", welchem sie auch ihren Namen verdankt. Diese sowohl tag- als auch nachtaktiven Schlangen lassen sich relativ häufig in der Dämmerung auf Straßen und Sandpisten beobachten, wo sie noch einen letzten Rest Wärme tanken.
Deutlich giftiger als die Puffotter ist die Kapkobra (Naja nivea), die wohl zu den fünf giftigsten Schlangen Afrikas gehört und deren Gift beim Menschen ohne Sofortbehandlung schon innerhalb einer Stunde zum Tode führen kann. Tatsächlich aber sind Begegnungen mit dieser farblich sehr variablen und mit durchschnittlich 1,5 m noch relativ kleinen Kobraart trotz ihres weiten Verbreitungsgebiets recht selten und wer sich aufmerksam verhält und zudem an entsprechende Vorsichtsmaßnahmen wie das Tragen weiter Hosen und knöchelschützender Geländeschuhe denkt, muss sich bei der Arbeit außerhalb unserer Forschungsstation eigentlich keine großen Sorgen machen.
Für die Fähigkeit, ihr Gift zu Verteidigungszwecken über 2 m weit zielgenau in das Gesicht potentieller Angreifer zu spitzen, ist die Schwarze Speikobra (Naja nigricollis) bekannt. Sie ist eine von nur 4 Schlangenarten im südlichen Afrika, die hierzu in der Lage sind. Einige davon können ihr Gift sogar bis zu 4 m (!) weit verspritzen. Mit bis zu 2 m Länge ist diese dunkel gefärbte Spezies eine beeindruckende Erscheinung, v.a. wenn sie sich bei einer überraschenden Begegnung zur Verteidigung bedrohlich aufrichtet und ihr Nackenschild ausbreitet. Brillenträger sind in diesem Fall aus den genannten Gründen ausnahmsweise einmal im Vorteil.
Sowohl hinsichtlich der Größe als auch (zumindest in der dunklen Varianz) Färbung der Schwarzen Speikobra sehr ähnlich ist die Maulwurfsnatter (Pseudaspis cana), die jedoch für den Menschen mit Ausnahme schmerzhafter Abwehrbisse in Falle von Bedrängung ungefährlich ist. Anders verhält es sich einmal mehr für den Streifenmäuse, da – wie der Name schon vermuten lässt –v.a. Nager zu der Hauptnahrung dieser Schlange gehören. Diese jagt vor allem unterirdisch und durchdringt mit ihrem spitz zulaufenden Kopf weichen Sand auf er Suche nach Beute.
Echsen (Lacertilia)
Deutlich zahlreicher und v.a. augenscheinlicher als die Schlangen sind in Goegap die Vertreter aus der Gruppe der Echsen: Bis zu 34 Skinke, Eidechsen, Agamen, Chamäleons und Geckos kommen hier vor und einige von ihnen sind manchmal ebenso Teil des Alltags auf der Forschungsstation wie die Mäuse, Buschkarooratten und Elefantenspitzmäuse.
Dies trifft v.a. auf die zahlreichen Geckos zu, welche das Stationsgebäude ab Mitte August zunehmend in Beschlag nehmen; und zwar sowohl von außen als auch von innen. Denn mit zunehmenden Temperaturen nutzen v.a. die zur Gattung der Dickfinger gehörenden Vertreter der im westlichen Südafrika weit verbreiteten Art Pachydactylus bibronii diesen Ort zur abendlichen Nahrungsaufnahme, indem sie, mit ihren Haftzehen an Wänden, Türen, Fenstern oder auch mal kopfüber unter der Decke hängend, hier nach Einbruch der Dunkelheit auf vom Licht angelockte Insekten – v.a. Nachtfalter – warten. Durch Ritzen und Spalten sowie kurzzeitig offen gelassene Türen und Fenster gelangen sie schnell in´s Haus, so dass es durchaus sein kann, dass man sein Zimmer plötzlich mit ein paar neuen Mitbewohnern teilen muss, die einen dann mit ihren kommunikativen Zirp-Lauten unterhalten.
Nicht so zutraulich aber dafür tagsüber im Gelände allgegenwärtig ist der Namaqua Wüstenrenner (Pedioplanis namaquensis). Diese bis zum Schwanzansatz nur 4 bis 5 cm lange, wieselflinken Eidechse, deren Verbreitungsgebiet sich entgegen ihres Namens auch weit bis nach Namibia und Botswana erstreckt, kommt nur selten zur Ruhe und scheint sich auf den sandigen Wegen der field site viel lieber Wettrennen mit den großen, trägen Zweibeinern liefern zu wollen, die diese zeitweilig ebenso besiedeln. Wie bei vielen Eidechsen hat auch diese Art ein auffallend gefärbtes Hinterende, um Feinde – insbesondere Raubvögel – gezielt auf den abwerfbaren und wieder nachwachsenden Schwanz zu verleiten. Eine weitere Auffälligkeit ist das regelmäßige ´Winken´ mit den Vorderbeinen, welches entweder der Abkühlung auf dem heißen Sand oder aber der Kommunikation mit Artgenossen dienen könnte.
Auch diverse Skinkarten treten in Goegap auf, wobei der relativ große Dreistreifenskink (Mabuya Occidentalis) sicherlich zu den auffälligsten gehört. Im Gegensatz zu vielen anderen Skinken besitzt dieses schimmernd bronzefarbene Reptil mit den charakteristischen drei hellen Rückenstreifen noch voll ausgebildete Beine und ähnelt daher vom Aussehen eher den echten Eidechsen. Eigentlich auf tierische Nahrung wie Insekten spezialisiert scheinen sie übrigens auch die von uns verwendeten Mäuseköder nicht zu verschmähen, denn es kann schon mal passieren, dass einem anstelle einer Maus ein solch geschuppter Bursche in die Falle geht.
Der mit Abstand schönsten in Goegap beheimateten Vertreter aus der Gruppe der Reptilien ist jedoch mit Sicherheit die Felsagame (Agama atra). Insbesondere die leuchtend blau gefärbten und mit einem hellen Rückenstreifen versehenen Männchen sind wahre Paradiesvögel der Wüste und stechen selbst zur Zeit der Wildblumenblüte noch aus dem dann bestehenden bunten Meer heraus. Aber auch die Weibchen mit ihrer orange-gelben Körperfleckung und dem grünlich-blauen Kopf sind ein optischer Genuss. Beide Geschlechter sind dabei in der Lage, ihre Färbung zu Tarnzwecken zu verändern. Interessant zu beobachten ist auch das Revierverhalten dieser Tiere: Sie besetzen relativ große Territorien und bilden klare innergeschlechtliche Hierarchien aus, wobei die jeweiligen Reviermännchen bzw. -weibchen noch einmal besonders auffällig gefärbt sind. Innerhalb dieser Reviere werden dann zumeist die höchstgelegensten Stellen aufgesucht, um von hier aus durch gelegentliches, an Liegestütze erinnerndes Droh- bzw. Imponiergehabe sowohl mögliche Konkurrenten als auch das jeweils andere Geschlecht zu beeindrucken. Bemerkenswert ist abschließend noch, dass die im südlichen Namibia und nördlichen Namaqualand und damit auch in Goegap auftretende Unterart Agama atra knobelli mit bis zu 14 cm Länge von der Kopfspitze bis zum Schwanzansatz deutlich größer wird als ihre im Rest des Landes weit verbreiteten Verwandten, ein Hinweis darauf, dass das Leben in diesem Halbwüstenbereich nicht zwangsläufig nur unvorteilhaft sein muss. Übrigens gibt es bei Agamen ebenso wie Chamäleons und Warane einen großen Nachteil gegenüber anderen Echsen, denn im Gegensatz zu denen wächst bei ihnen ein einmal abgeworfener Schwanz nicht wieder nach.
Schildkröten (Testudinata)
Als letzte Ordnung aus der Gruppe der Reptilien kommen in Goegap schließlich auch noch einige Schildkrötenarten, 5 an der Zahl, vor, wobei die Starrbrustpelomeduse (Pelomedusa subrufa) noch nicht für diesen Bereich nachgewiesen werden konnte ihr Vorkommen jedoch hier vermutet wird. Von den anderen Arten ist sicherlich die Pantherschildkröte (Geochelone pardalis) die bekannteste. Aber auch das Vorkommen der Gesägte Flachschildkröte (Homopus signatus) ist erwähnenswert, schließlich ist sie mit einer Panzerlänge von nur 8 bis 10 cm die kleinste Schildkröte überhaupt. Nicht nur deshalb sind Schildkröten in Goegap jedoch ein eher seltener Anblick; häufiger sieht man sie z.B. entlang der Straße zwischen dem Nature Reserve und Springbok.
Amphibien
Wesentlich seltener als ihre herpetologischen Verwandten, die Reptilien, bekommt man in Goegap Vertreter aus der Klasse der Amphibien zu Gesicht. Dies verwundert kaum, denn schließlich ist ihre Entwicklung normalerweise an die wenigen im Reservat vorkommenden permanenten oder zumindest periodischen Wasserlöcher und Quellen gebunden. Gerade einmal 4 Arten, allesamt aus der Ordnung der Froschlurche (Anura), sind für diesen Bereich nachgewiesen bzw. werden hier vermutet:
- Glatter Krallenfrosch oder Platanna (Xenopus laevis),
- Karoo- oder Gariep-Kröte (Bufo gariepensis),
- Cape river frog (Afrana fuscilgula),
- Namaqua-Caco (Cacosternum namaquense).
In unserer field site wird man jedoch auch diese wenigen Spezialisten, die sich im Laufe ihrer Evolution an diesen extremen Lebensraum angepasst haben, kaum vorfinden, dafür ist es hier einfach viel zu trocken. Wer jedoch andere Teile von Goegap aufsucht und auch einmal bewusst Ausschau nach kleineren Tümpeln oder Rinnsalen hält, wird durchaus die Chance haben, den einen oder anderen “Wüstenlurch“, ob als Kaulquappe oder ausgewachsener Frosch bzw. Kröte, zu erblicken. Ob sich dieser dann aber bei entsprechender Behandlung in einen Prinzen oder doch nur in einen Haufen Sand verwandelt, ist bislang nicht überliefert.
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Eine Puffotter frisst eine Striemengrasmaus
 
Die Puffotter ist sehr giftig und sollte auf keinen Fall angefasst werden !!!

Am besten beobchtet man die Pufotter in Ruhe in ihrem natürlichen Lebensraum.

Die Kapkobra ist die giftigste Schlange Namaqualands. Ihr Gift ist so stark wie das der Schwarzen Mamba, die in Namaqualand nicht vorkommt.
 
Kommt man auf die ungewöhnliche Idee, eine Speikobra fangen zu wollen, muss man auf jeden Fall eine Gesichtsmaske tragen, um seine Augen vor dem Gift zu schützen.
 
Die Maulwurfsnatter ist der Speikobra sehr ähnlich, aber ungiftig.
  
Geckos in der Hand, am Fenster, an der Wand.
  
Dreistreifenskink im Feld, im Eimer, in der Tasche.

Die Männchen der Rockagame werden auf Afrikaans Blaubart genannt.
 
In Namaqualand kommt die kleinste Schildkröte der Welt vor. Das gezeigte Tier ist ausgewachsen und wird nicht grösser.

Kaulquappen in Goegap. Die wenigen permanent Wasser enthaltenden Wasserlächer und Quellen bieten auch für Amphibien einen Lebensraum. |